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Die heilige Hildegard und ihre Medizin

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Die heilige Hildegard und ihre Medizin

Für den heutigen Menschen bietet die Hildegard-Medizin wahrscheinlich den einfachsten Zugang zum Gesamtwerk der heiligen Hildegard.

Ihr Menschenbild berücksichtigt sowohl die seelischen als auch die geistigen Aspekte, so dass unsere Erwartungen und Bedürfnisse nach einer ganzheitlichen Behandlung in jeder Hinsicht erfüllt werden. Ihr Visionswerk, zu dem die Hildegard-Heilkunde als untrennbarer Bestandteil gehört,

überragt nicht nur den Wissensstand der damaligen, sondern auch unserer Zeit auf den Gebieten der Naturwissenschaft, Medizin und Theologie. Kein Wunder, denn Hildegards Erkenntnisse über die großen Zusammenhänge von Mensch, Natur, Kosmos und Heilgeschichte beruhen nicht auf wissenschaftlicher Forschung und Erfahrung, sondern entspringen ihrer charismatischen Gabe der Schau in die verschiedenen Schichten der kosmischen und göttlichen Wirklichkeit.

Alle Versuche, Hildegards Wissen auf eigene Erkenntnisse und Erfahrungen einer der ersten deutschen Naturwissenschaftlerin und Ärztin zurückzuführen, sind daher bis heute nicht nur gescheitert, sondern stehen auch im Widerspruch zu ihren eigenen autobiographischen Aussagen. Bereitwillig schildert Hildegard dem Mönch Wibert von Gembloux das Phänomen ihrer Audiovision:

>>Von meiner Kindheit an erfreute ich mich der Gabe dieser Schau in meiner Seele bis zur gegenwärtigen Stunde, da ich schon mehr als siebzig Jahre alt bin. Und meine Seele steigt, wie Gott will, in dieser Schau bis in die Höhe des Firmamentes und die verschiedenen Sphären empor und hält sich bei verschiedenen Völkern auf, obgleich sie in fernen Gegenden und Orten weit von mir entfernt sind. Und da ich dies auf solche Weise in meiner Seele schaue, erblicke ich auch den Wechsel der Wolken und anderer Geschöpfe. Ich sehe dies aber nicht mit den offenen Augen und höre es nicht mit den äußeren Ohren; auch nehme ich es nicht mit den Gedanken meines Herzens wahr noch durch irgendeine Vermittlung meiner fünf Sinne, vielmehr einzig in meiner Seele, mit offenen Augen, so dass ich niemals die Bewusstlosigkeit einer Ekstase erleide, sondern wachend schaue ich dies bei Tag und Nacht.<< (Pitra)

Als Hildegard im Jahre 1098 auf dem reichen Herrenhof zu Bermersheim bei Alzey als zehntes Kind der Edelleute Hildebert und Mechtild geboren wurde, trug sie bereits die Gabe in sich, jene geheimnisvollen Zusammenhänge der Natur und des Menschen zu schauen, die allen anderen Augen verborgen sind und die seit Adams Fall, wie Hildegard später schreiben wird, keiner mehr geschaut hatte. 73 Jahre lang - von ihrem achten Lebensjahr an - stand diese zum Schauen bestellte Frau unter der maßvollen Führung klösterlichen Lebens nach der Regel St. Benedikts. Aber noch mehr bestimmte das innere, göttliche Licht all ihre Pläne und Lebensschritte. Für sie und ihre Erzieherin, Jutta von Sponheim, hatte deren Vater an das aufstrebende Benediktinerkloster Disibodenberg im Nahetal eine Frauenklause anbauen lassen. Nach Juttas Tod (1136) wurde Hildegard zur Äbtissin des herangewachsenen Adelskonventes gewählt. Fünf Jahre später empfing Hildegard ihrem gewöhnlichen zweiten Gesicht hinzu noch eine ganz andere Art von Erleuchtung mit dem Auftrag, das so Geschaute und Gehörte niederzuschreiben.

>>Im Jahre 1141, als ich zweiundvierzig Jahre und sieben Monate alt war, kam ein feuriges Licht mit Blitzesleuchten vom offenen Himmel nieder. Es durchströmte mein Hirn und durchglühte mir Herz und Brust gleich einer Flamme, die jedoch nicht brannte, sondern wärmte wie die Sonne den Gegenstand, über den sie ihre Strahlen ausgießt. Nun war mir plötzlich der Sinn der Schriften erschlossen, der Psalmen, des Evangeliums und der übrigen Bücher des Alten und Neuen Bundes.<< (PL 383 B)

Die Seherin sollte zur Prophetin werden; sie erhielt von Gott einen konkreten Auttrag: >>Schreib, was du siehst und hörst! Tu kund die Wunder, die du erfährst! Schreibe sie auf und sprich!<< (PL 443 A)

So ergriffen Hildegard vier Visionswellen von fünf- bis zehnjähriger Dauer und beschäftigten sie 32 Jahre lang, bis ins 74. Lebensjahr, mit der Niederschrift. Im Advent 1147, während der Abfassung ihres ersten Buches Scivias, übersiedelte sie auf den Rupertsberg bei Bingen, wo sie auf Befehl ihres himmlischen Lichtes gegen starke Widerstande ein neues Kloster errichtete, das durch sie rasch zu hohem Ansehen gelangte. 1151 bis 1158 überkam sie dort die zweite Visionsepoche, die zur Abfassung ihrer >>wissenschaftlichen<<, das heißt medizinischen Schriften führte. Alle Bücher Hildegards sind frei von persönlichen Meinungsäußerungen. Zum Unterschied von den eigentlichen Mystikerinnen späterer Zeit pflegte Hildegard keinen >>vertraulichen<< Verkehr mit Gott, sondern gab nur wieder, was aus den Urgründen der Welt an >>Lebendigem Licht<< ununterbrochen auf sie einflutete. Darum zeichnet ihre Schriften eine heilige, durchsichtige Nüchternheit aus, die besonders ihrer Medizin zustatten kommt. In erschütterndem Gehorsam lebte sie ihr ganzes Leben, machte weite Predigt- und Missionsreisen durch ganz Deutschland und gehorchte noch über den Tod hinaus dem Befehl des Erzbischofs von Mainz, keine weiteren Wunder mehr an ihrem Grab zu wirken. Das Wunderverbot wurde 1979 zu ihrem 800jahrigen Gedenktag vom Bischof von Limburg aufgehoben. In ihren Schriften liegen auch heute noch genug Wunder Gottes verborgen.

Praktisch wurde bisher nur ihr erstes Werk, Scivias, das heißt Wegweiser, in der Öffentlichkeit bekannt. Es hatte auf der Synode zu Trier (1147) gewaltiges Aufsehen erregt, dass nach vielen Jahrhunderten wieder jemand >>aus dem Geiste der alten Propheten<< Plan und Sinn der ganzen Weltschöpfung enthüllte. Die Scivias erweckte die Begeisterung der damals maßgebenden Theologen und bestimmte bis zum heutigen Tag (etwas einseitig) das geschichtliche Bild Hildegards. Dieses Werk blendete und fesselte Zeitgenossen und Nachwelt derart, dass nur wenige Leser zu ihren übrigen, noch geheimnisreicheren Büchern vordrangen. Ihre Medizin blieb überhaupt vollig abseits liegen. Ob das Wunderwirkverbot noch besteht oder nicht - wir haben ja das Wunder der Hildegardmedizin.

 

Hildegard heilte - auf wunderbare Weise und durch Handauflegen - und war dafür berühmt. Nie aber wird erwähnt, dass sie oder sonst jemand ihre Medizinbücher benutzt hatte. Die Hildegard-Medizin umfasst eine leicht verständliche Arzneimittellehre und ein kompliziertes Lehrbuch der Medizin in lateinischer Sprache (wie alle ihre Schriften): Das Liber simplicis medicinae und ein Liber compositue medicinae (Causue et curae). Ein recht seltsames Geschick hatte bislang das Bekanntwerden der Hildegard-Medizin verhindert. Jetzt, achthundert Jahre nach seiner Abfassung, beginnen auch Ärzte sich dafür zu interessieren. Wir können also annehmen, dass sie ein Geschenk an unsere Zeit darstellt. Viele Stellen des Lehrbuches muten so modern an, dass erst unsere heutigen Medizinkenntnisse einen Schlüssel zu seinem Verständnis liefern. Hildegards Medizinlehre widerspricht unserem Wissen nicht, sondern ergänzt und erweitert es. Ihre Arzneimittel aber bieten neue, noch nie genutzte Möglichkeiten.

Hildegard starb am 17. September 1179 im Alter von 81 Jahren. Bei ihrem Tod erstrahlte ein helles Lichtkrenz am Himmel - ein Zeugnis dafür, dass sie das >>lebendige Licht<< schauen durfte.

Ist Hildegard von Bingen eine Heilige? Nach ihrem Tod wurde Hildegard vom gläubigen Volk wie eine Heilige verehrt, obwohl sie von der Kirche nie heilig gesprochen wurde. Dann geriet die Heilige fur achthundert Jahre fast vollständig in Vergessenheit. Erst im letzten Jahrhundert, nach der sensationellen Entdeckung ihrer Heilkunde und der Neuausgabe ihrer Trilogie durch den Kardinal Pitra, begann eine wahre Hildegard-Renaissance. Seitdem gibt es überall auf der Welt Hildegard-Freunde und große Hildegard-Gesellschaften, so zum Beispiel in Österreich, der Schweiz, Amerika und  auch in Deutschland den Förderkreis Hildegard von Bingen.

Jeder Christ soll heilig werden. Heilig gesprochen werden jedoch nur wenige. Doch alle Kinder Gottes werden von Moses aufgefordert: Seid heilig, denn ich, der Herr, euer Gott, bin heilig. (3. Mose, 19, 2)

Heilige sind Menschen wie wir auch, aber Hildegard wurde von Gott in besonderer Weise dazu berufen, eine „Feder in Gottes Hand“ zu sein. Unter Aufopferung aller ihrer leiblichen und seelischen Kräfte hat sie in der Hingabe an Gottes Willen ein vorbildliches christliches Leben geführt und für uns die Weisheit Gottes festgehalten: „Wie er, der euch berufen hat, heilig ist, soll auch euer ganzes Leben heilig werden“ (1 Petrus 1, 15). In diesem Sinne ist Hildegard eine der größten Heiligen und wird in gleicher Weise von der ungeteilten Christenheit verehrt. >>Liber vitue meritorum<<

 

Hildegard von Bingen und die Medizin ihrer Zeit

von Prof. Dr. Dr. H. Schadewaldt – Redaktionelle Bearbeitung: Gudrun Heyer. Vortrag beim Großen Hildegard-Treffen 1996 auf der Insel Reichenau im Bodensee

Hildegard von Bingen hat in 82 Lebensjahren wirklich alles durchkostet, durchlebt, durchlitten, was ein Mensch ertragen kann. Sie lebte in einer sehr schwierigen Zeit, die – ähnlich wie die unsere - außerordentlich von Krieg und Kriegsgeschrei übertönt war.

Auffallend ist die sehr treffende klare Diktion in ihren Werken. Also keine Konfusion, wie man das bei Mystikern sonst in der Regel findet. Die Benediktiner-Äbtissin hat eine klare Meinung. Diese man befolgen oder man muss sie ablehnen. Daran hat sich bis zum heutigen Tag nichts geändert. Die einen „schwören“ auf ihre Hildegard-Medizin, die anderen, z.B. die Schulmedizin, lehnt sie noch immer ab. In den Visionsbilder wird Hildegard immer in einer Doppelfunktion gezeigt. Einmal empfängt sie ihre Visionen offensichtlich von der Weisheit Gottes in Form von Inspirationen, Impressionen, Tönen und Bildern. Ähnlich wie Johannes – 95/96 n. Chr. auf Patmos – bekommt sie den Befehl: „Schreibe, was du siehst! Tu kund die Wunder, die du erfahren! Schreibe sie auf und sprich!“

Gleichzeitig zeigen die Bilder, dass Hildegard einem außerhalb ihrer Klause sitzenden Schreiber dem Prior Volmar ihr Wissen diktiert. Das ist der Beginn ihrer literarischen Tätigkeit, die bis zum heutigen Tag nachwirkt.

Über 500 Pflanzen hat Hildegard so subtil beschrieben, dass man sie zum großen Teil heute noch klar diagnostizieren kann. Aber bei ihr gehört zur Heilkunde mehr als nur die Verabreichung von Arzneimitteln oder die Anwendung einer Diät. Sie sieht immer die großen Zusammenhänge in einer Ganzheit.

Diese medizinische Richtung kehrt heute wieder in das Bewusstsein der Menschen unter dem Stichwort Ganzheitsmedizin im deutschen und holstic medicine im amerikanischen Sprachraum zurück.

Daher steht bei Hildegard auch der Mensch im Mittelpunkt des gesamten Kosmos, wie es in ihren Visionsbildern zum Ausdruck kommt - eine Auffassung, die heute weitgehend abgelehnt wird, weil man nach dem Darwinismus meint, dass der Mensch im Grunde nichts anderes sei, als eine Entwicklung aus niederen Lebewesen oder Affen. Dies ist eine sehr gefährliche Entwicklung, weil damit die Position des Menschen in dieser Welt – auch in der Medizin – entwertet wird. Hildegard wäre dies niemals in den Sinn gekommen, weil sie davon ausging, dass der Mensch das göttliche Ebenbild in der Schöpfung ist und jeder Mensch einen nur ihm allein übergebenen Auftrag hat, der aber leider von den meisten nicht voll erfüllt wird, weil der Mensch seit der Vertreibung aus dem Paradies, in einem inneren Konflikt mit seinen positiven und negativen Seiten steht.

Die Folgen werden bereits dramatisch bei Eva und Adams Kindern deutlich, bei dem es wegen Neid und Missgunst zum ersten Brudermord kam. Dieser Konflikt wird übrigens bis zum heutigen Tag weitergeführt,trotz Bekenntnis zu den Menschenrechten und allen Beteuerung der Friedensliebe zur Menschheit. Es ist heute nichts anderes als zu Zeiten Hildegards im 12. Jh. In den vergangenen 900 Jahren hat sich an der Einstellung des Menschen zum Mitmenschen wenig geändert. Wir treten hier auf der Stelle, im Gegensatz von Hildegard, die den Menschen als aktiven Partner Gottes in der Schöpfung sieht.

Wurde Hildegard von ihrer Zeit geprägt?
Klöster waren in Hildegards Zeit der einzige Ort, wo die Krankheiten und Leiden der Menschen behandelt wurden, die antike Tradition übernommen wurde und  die neuen christlichen Vorstellungen von der Wissenschaft erforscht wurden. Es gab noch keine Universitäten, aber Zentren. Zwei möchte ich nennen: in Toledo, das gerade von den Mauren befreit worden war, spielten die Einflüsse der vertriebenen Juden eine große Rolle. Im süditalienischen Salerno entstand die erste Medizinschule. Wir haben keinen einzigen Beweis, dass Hildegard in ihrer Klause, in der sie 38 Jahre im Kloster Disibodenberg lebte, die Literatur jener Zeit gelesen hat. gewiss, sie machte später weite Reisen, nachdem sie die Klöster Rupertsberg bei Bingen und später Eibingen gegründet hatte. Doch woher hat sie ihre wirklich stupenden Kenntnisse über die Heilkunde, die Kräuterkunde, die Behandlung und auch ihre Vorstellungen gewonnen? Das ist bis heute ihr Geheimnis. Bei Hildegard findet sich nur ein Hinweis auf Plinius, aber sonst auf keinen anderen, der in der damaligen Zeit bekannten wissenschaftlichen ärztlichen Gelehrten. Dennoch hat Hildegard den ganzen Geist ihrer Zeit voll erfasst und in ein ausgezeichnetes medizinisch kosmisches System gebracht.

Einige Autoren, z.B. Prof. Heinrich Schipperges und und Prof. Irmgard Müller, haben die Echtheit der Schriften der Hl. Hildegard bewiesen, die ja lange Zeit umstritten war. Es ist heute ziemlich sicher, dass die wichtigsten Werke von ihr selbst stammen müssen, zumindest von ihr diktiert wurden.

Beeinflusste das Klosterleben Hildegard?

Da ist zunächst der Orden der Benediktiner, dessen Regeln sie sich unterworfen hat. Benedikt von Nursia führte einen neuen Paragraphen in die jungen Klosterorden ein: Die Sorge für die Kranken geht über alles und vor alles.

 

Diese Vorschrift ist entscheidend auch für Hildegards Wirken gewesen, weil sie ja in der Tat die Behandlung von Krankheiten jeder Art – seelisch und körperlich – als eine ihrer Aufgaben ansah. Darüber hinaus beschäftigte sie sich nicht nur mit der Medizin, sondern auch mit der Anthropologie und der gesamten Lebensführung des Menschen.

Wie fürsorglich sich der Orden der Krankenpflege annimmt, zeigt ein Bauplan des Klosters von der Insel Reichenau: Ein regelrechtes infirmarium, also ein Krankenrevier, mit Öfen – ungewöhnlich für ein Kloster, in deren Zellen man ja in der Regel auch im Winter nicht heizt – und Toiletteneinrichtungen, die wegen der Geruchsbelästigung mit einem kleinen Gang verbunden sind. Das hat eine besondere Bedeutung, weil damals das Abführen, neben Aderlass und dem blutigen Schröpfen, eine der wesentlichen Heilmaßnahmen war. Großen Einfluss auf Hildegard hat sicherlich auch die im Mittelalter übliche schriftliche Weitergabe der Literatur. Dadurch konnte sie ihre Kenntnisse und die Erfahrungen weitgehend ausdehnen.

Auch von den Werken der Hl. Hildegard sind zahlreiche Abschriften bekannt. In dieser Zeit, vor der segensreichen Erfindung des Buchdrucks, wurden die als Manuskripte in die damals bekannte Welt versandt.

Für Hildegard wichtig: die Heilkräfte einheimischer Kräuter

Zweifelsohne spielt der klösterliche Kräutergarten eine große Rolle in Hildegards Leben. Angeordnet von Karl dem Großen, wurden in allen Klöstern Heilpflanzen-Gärten angelegt. In seinem riesigen Heiligen Römischen Reich deutscher Nation, das ganz Europa umfasste, mussten, je nach der Lage und Klima, einheimische Heilkräuter angepflanzt werden. So war man nicht mehr gezwungen, teure Drogen aus dem Mittelmeerraum oder aus Palästina – die Kreuzzugszeit war ja angebrochen – oder gar aus Asien und Afrika, denn andere Länder kannte man ja noch nicht, zu verwenden.

Dass es Erkenntnisse über die Heilkräfte in einheimischen Pflanzen gibt, ist ein besonderes verdienst der Hl. Hildegard.

Viriditas – ein hildegardischer Qualitätsbegriff

Bei der Phytotherapie, d.h. der Beschäftigung mit den Heilpflanzen, hat die Hl. Hildegard nicht nur die Pflanze als solche herausgestellt. Noch wichtiger war für sie die Viriditas – die lebenserhaltende Kraft, die anscheinend das Leben überhaupt in Pflanze, in Tier und in Steinen unterhält.

Natürlich spielt Viriditas auch bei Bäumen eine große Rolle. Sie bewirkt das Aufströmen der Säfte in den Bäumen, damit diese im Frühling wieder Grün ansetzen können.

Viriditas bedeutet für Hildegard von Bingen weit mehr. Es ist z.B. auch das – übrigens bis heute nicht restlos aufgeklärte – Phänomen der Wundheilung, dass eine Wunde sich auch ohne Hilfe durch einen Arzt oder eine Heilbehandlung wieder schließt. Offensichtlich existiert auch im Organismus selbst eine Heilungskraft.

Auch die Schutzmechanismen im Organismus, wie sprechen heute von Immunität, bezeichnet die Hl. Hildegard schon damals mit dem Begriff Viriditas.

Zugleich beschreibt sie in ihrem naturheilkundlichen Werk, wie besondere Fähigkeiten der Pflanze durch bestimmte Prozeduren, durch die Herstellung von Sirupen, von Extrakten, von Lotionen oder Abkochungen und dergleichen über längere zeit konserviert werden oder überhaupt erst in Konzentration zur Wirkung kommen können.

Hildegard von Bingen ist also durchaus ein Vorläufer für die spätere Pharmazie. Hildegard hat alles lateinisch geschrieben, aber die Namen der einheimischen Pflanzen sind alle in deutscher Sprache, oder was man damals für Mittelrheinisch hielt, niedergeschrieben worden.

Es ist wichtig, nicht aus seiner Mitte zu fallen

Neben der Heilung mit Pflanzen war die seelische Ruhe eine der wichtigsten Heilmethoden. Die seelische Stimmung spielte zu Hildegards Zeiten eine große Rolle: Wie man sein Leben im eigenen oder im von der Natur vorgegebenen Rhythmus gestaltet. Allerdings muss man ihn kennen, vor allem auch befolgen, um nicht aus seiner Mitte zu fallen. Zum Lebensrhythmus gehört auf der einen Seite unbedingt die Ruhe eines wohlgeordneten Lebens, d.h. auch das Ausspannen oder die Meditation, die man nur in der Ruhe vollziehen kann.

Tabletten, die man zur Beruhigung gibt, sind alles andere als Meditationshelfer. Und gerade gegen solche Mittel hat sich die Hl. Hildegard sehr ausgesprochen. Sie hat z.B. Alraune und Opium, die beiden berühmten „Ruhigsteller“ in jener Zeit, nicht gut geheißen. Sie warnte, dass diese Mittel mehr Gefahren bieten, als sie Erfolg bringen können. Man sollte sich möglichst dieser Mittel nur selten und nur in ganz großen Ausnahmefällen bedienen. Das war eine sehr weise Voraussicht einer Frau, die doch schließlich keine ärztliche Praxis betrieb, sondern als Äbtissin über den Dingen stehen musste.

Der gefährlichste Saft im Menschen: die Melanche

Eine direkte Beziehung zur Medizin der Antike zeigt sich in der hildegardischen Vier-Säfte-Lehre. Hildegards Medizin basiert auf vier Säften, aber im Gegensatz zur Antike nennt sie diese nicht Schleim, Blut, schwarze Galle und gelbe Galle, sondern Körpersäfte, die auf den vier Blutbestandteilen beruhen: Erythrozyten Leukozyten, Thrombozyten und Blutserum. Diese vier Säfte werden in vier großen Organen produziert.

Der für den Menschen gefährlichste Stoff – und das hat die Hl. Hildegard sehr oft und sehr eindrucksvoll beschrieben – ist die Melanche, die schwarze Galle. Das Überwiegen der schwarzen Galle soll zu Depressionen führen, zu einer Verstimmung, ja bis hin zur Selbstmordneigung.

Auch bei den anderen Substanzen spielen die psychischen Komponenten bis zum heutigen Tage eine große Rolle. Wir reden von den vier Temperamenten: den Cholerikern, den Melancholikern, den Sanguinikern und den Phlegmatikern. Damit beziehen wir psychische Phänomene mit ein. Heute haben wir vergessen, dass damals in der Antike, und auch bei Hildegard, ausdrücklich die Verbindung von somatischen, auch körperliche Änderungen der Säfte mit psychischen Veränderungen einhergehen.

Man nutzte zwei Möglichkeiten der Heilbehandlung:

1.Das Bestreben, im Menschen die Harmonie wieder zu erzielen und damit die Gesundheit wieder herzustellen.
2.Bei der Dyskrasie, einer Entmischung der harmonischen Blut- und Körpersäfte, mit Hilfe von Aderlaß, Schröpfen, Moxibustion und Pflanzen einzugreifen. Um das eine, was zuviel oder das andere, was zu wenig im Körper vorhanden war, auszuleiten respektive wieder hinzuzufügen.

Auch die Pflanzen entsprechen bei Hildegard der Vier – Säfte - Lehre. Es gibt welche, die eher dem humoralen Prinzip der Melancholie entsprechen und andere, die fröhlich machen, wie z.B. Dinkel, Flohsamen oder Fenchel.

Doch bei der Anwendung ist die Hl. Hildegard sehr speziell:

Contraria contrariis, d.h. das eine mit dem Gegensätzlichen zu bekämpfen. Wenn also eine kalte Qualität im Vordergrund stand, z.B. im Organismus etwa bei älteren Menschen, dann musste man versuchen, etwas Warmes wie Zimt, Galgant oder Pfeffer, der beim Zerbeißen als warm empfunden wird, oder Senfwickel anzuwenden. Und umgekehrt: Bei heißen Konstellationen, wie beim Fieber, wurden kühlende Mittel wie etwa Kampfer aufgetragen oder eingenommen, um auf diese Weise wieder eine Harmonisierung zu erreichen. Bei Hildegard gibt es aber auch Anzeichen für gewisse homöopathische Gedankengänge: similia similibus, also Ähnliches mit Ähnlichem zu behandeln. Aber es wird in ihrem Werk nicht ganz klar, welcher Richtung sie sich stärker zuwandte.

Die Hl. Hildegard verfolgte drei Vorstellungen, die in jener Zeit durchaus gängig waren.

Man behandelt zuerst mit Diät. Im antiken Sinn bis hin in die Zeit des Mittelalters hat die Diät, griechisch Diaita, eine viel weitere Fassung als heute. Es regelt nicht nur eine Nahrungsproblematik, es ist vielmehr die Umstellung des gesamten Lebens.

Diaita heißt die Lebensform. Hildegard unterteilt sie in sechs Gebiete, die res non naturalis, die vom Menschen beeinflussbar sind.

1.Der Einfluss der vier Elemente, Luft, Wasser, Feuer und Erde, auf den Menschen
2.Essen und Trinken
3.Ruhe und Bewegung
4.Schlaf und Wachsein
5.Ausscheidungen, Sekreta und Exkreta,z.B.Aderlaß, Schröpfen, Moxibution
6.und schließlich die seelischen Komponenten – affectus animi: Hildegard Fasten.

Bei diesen sechs Punkten kann man durch menschliches Zutun, durch Training oder durch entsprechende Rezepte viel Positives bewirken, beschreibt Hildegard ausführlich.   Dann wendet sich Hildegard den res contra naturam zu, den von außen in den Organismus eindringenden Krankheiten, z.B. den Infektionskrankheiten oder durch maßloses Essen und Trinken.

Diese Krankheiten, so heißt es bei Hildegard, sind erst mit der Vertreibung aus dem Paradies auf die Welt gekommen. Ebenso wie die Raffgier, Streitsucht, Zorn und Wutausbrüche, die negativen Seiten des Menschen.

Hildegard betont, dass alles darauf ankommt, hinter diesen negativen Seiten das Gute zusehen und die Laster in Tugenden zu transformieren. Denn auch die seelischen Komponenten tragen zum Wohl oder Wehe des Menschen bei, wie die noch junge Epigenetik es heute erneut bestätigt. Gedanken, Gefühle und spirituelle Werte wie Liebe, freude und Lebenslust sind Signale, die von der Messenger RNA aufgenommen wird. Diese RNA ist in allen Körperzellen massenhaft vorhanden und beeinflußt das menschliche Erbgut, Krankheiten zu heilen oder zu Verhüten. Negative Signale können dagegen Krankheiten auslösen.

Warum gewinnt Hildegard an Aktualität?

Warum kehrt eine bestimmte Heilrichtung nach längerer Zeit, in der sie untergetaucht zu sein scheint, wieder in die Öffentlichkeit zurück?

Einem Medizinhistoriker kommt es gelegen, dass Gedanken, die zu einer anderen Zeit ausgedrückt worden sind, zwar eine Zeitlang verschwinden, um dann eruptiv, wie ein Vulkan, wieder nach oben zu kommen. Auf einmal heißt es: das ist ja genau das, was wir eigentlich schon immer vermutet haben und gedacht hatten.   Im 12. Jh. war die Hl. Hildegard eingebettet in den Kosmos der Welt. Es war ein beruhigendes System für den Menschen des Mittelalters, dass er unter dem Schutze Gottes, unter dem Firmament in dieser Welt, stand. Und er war sicher, dass von außen nichts eindringen konnte. Diese Vorstellung des Mittelalters wurde langsam durchbrochen, genau genommen durch den Misserfolg der Kreuzzüge.

Zuerst war das Volk überzeugt, dass die von Gott gewollten Kreuzzüge – so haben die Päpste es jedenfalls dargestellt – als Expansionspolitik erfolgreich sein müssen. Am Ende der Zeit stellte man aber fest, sie waren ein Fehlschlag und hatten außerordentliche Verluste und Einbußen mit sich gebracht. Damit war die Vorstellung relativiert, dass diese Welt in Ordnung ist.   Jedes Mal bei einer Jahrtausendwende verdichtet sich die Annahme, dass sich außerirdische Einflüsse negativ auswirken könnten.

Im Jahre 1000 war das Gefühl, diese Welt geht bald auseinander – genau so wie heute.

Noch vor Hildegards Zeit wurde propagiert: Man sollte sich möglichst nur noch göttlichen Dingen zuwenden, alles Vermögen verschenken, nichts Neues mehr anfangen, keine neuen Impulse ausgeben.

Und dann stellte sich im neuen Jahrtausend heraus, die Welt ist doch nicht untergegangen.

Der Medizinhistoriker kann heute – kurz vor dem Jahr 2000 – Ähnliches beobachten: Eine zunehmende Angst, dass diese Welt durch Menschenhand, z.B. durch eine Atombombe, vernichtet werden könnte. Sie ist außerordentlich lebendig, wirkt sehr viel stärker als z.B. im Jahre 1900 beim Jahrhundertwechsel.

Wird auch dies zu einer weiteren Renaissance von Hildegards Werken beitragen?

Sicher ist: Das Prinzip der Harmonisierung, das bei Hildegard ganz ausgeprägt war, beginnt auch heute wieder eine große Rolle zu spielen.

Anschrift
Verfasser: Prof. Dr. Dr. H. Schadewaldt, Arzt und Medizinhistoriker, Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf Redaktionelle Bearbeitung: Frau Gudrun Heyer, Kirchsteig 1b, 91459 Eschenbach