Das Glaubensbekenntnis von Nicea: Was ist die Kirche?

niceaIn den letzten drei St. Hildegard Briefen habe ich mich mit dem Glaubensbekenntnis von Nicäa beschäftigt und die Fragen beantwortet:

Wer ist Gott, wer ist Jesus und was ist der Geist Gottes?

Hier kommt nun die vierte Aussage über unseren christlichen Glauben: Was ist die Kirche?

Wir glauben an eine, heilige, katholische und apostolische Kirche. Die vier Fundamente der Kirche beruhen heute wie früher immer auf diesen vier Eigenschaften: „eine, heilige, katholische und apostolische Kirche.“ 

Die erste Eigenschaft der Kirche: Einheit

Warum betont das Glaubensbekenntnis, dass die Einheit wichtig ist für unseren Glauben? Weil Jesus seine Anhänger sehr gut auf die Zeit nach seinem Tod vorbereitet hat: „damit sie alle eins seien. Wie du Vater, in mir bist und ich in dir, so sollen auch sie in uns sein, damit die Welt glaube, dass du mich gesandt hast. Und ich habe ihnen die Herrlichkeit gegeben, die du mir gegeben hast, damit sie eins seien, wie wir eins sind, ich in ihnen und du in mir, damit sie zur vollendeten Einheit gelangen, und damit die Welt erkenne, dass du mich gesandt hast und sie liebst, wie du mich liebst.“ (Johannes 17, 21 - 23)

Die Einheit der Kirche war immer ein Problem. Das Einheitsmodell ist aber alles andere als das, was sich viele als Einheit der Christenheit vorstellen. Dennoch suchen wir die sichtbare Einheit der Kirche: „Ertraget einer den anderen in Liebe und seid darauf bedacht die Einheit zu wahren durch das Band des Friedens: Denn es gibt nur einen Leib, einen Geist, so wie ihr auch berufen seid zu einer Hoffnung; ein Herr, ein Glaube, eine Taufe, ein Gott und Vater aller, der da ist über allen und durch alle und in allen.“ (Epheser Brief 4:4-6)

Das Kreuz ist das Zeichen für die Einheit der Kirche. Es verbindet zwei dynamische Kräfte miteinander. Auf der senkrechten Diagonale steigt der unsichtbare Gott in Gestalt seines sichtbaren Sohnes Jesus Christus auf die Erde und verbindet Himmel und Erde zu einer durch Liebe verbundenen Einheit. Die Kirche wird zum Haus Gottes unter den Menschen. Dadurch haben die Menschen jetzt und hier schon den Himmel auf Erden. Die ganze Schöpfung wird zu einer klingenden singenden göttlichen Symphonie.

Auf der Horizontalen verbreitet sich die Kraft der Liebe in allen Geschöpfen zu einer untrennbaren Einheit und Verbundenheit. Alles auf dieser Erde ist mit Liebe verbunden: „Die Liebe durchflutet das All, von der Tiefe bis hoch zu den Sternen ist sie liebend allen zugetan.“ Alle Geschöpfe jubeln und freuen sich über diese persönliche Zusammengehörigkeit. Die Liebe ist das Erkennungszeichen, dass wir alle dazu gehören. Die Zusammengehörigkeit zu einer durch Liebe verbundenen Kirche ist ein ökumenisches Grundrecht. Durch das Kreuz beziehen wir diese himmlische Liebeskraft aus dem Himmel und verbreiten sie verschwenderisch und bedingungslos unter alle Geschöpfe. In diesem Sinne ist das Kreuz heute nicht nur weltweit ein christliches Symbol, sondern auch ein Zeichen der Liebe und der Freundschaft unter allen Menschen. Beim Kreuzschlagen holen wir die göttliche Liebe aus dem Himmel und verbreiten sie über alle Menschen auf dieser Erde.

Was hat das für Konsequenzen für unser Zusammenleben in verschiedenen Kulturen, Rassen und Religionen?

Das Kreuz ist ein Zeichen für die Versöhnung und für ein harmonisches liebevolles Zusammenleben aller friedliebenden Menschen. Das Kreuz steht für den liebevollen Umgang mit der gesamten Schöpfung. Wer das Kreuz trägt, bekennt sich zu dieser kosmopolitischen Weltanschauung. Daher gehört das Kreuz nicht nur auf die höchsten Kirchtürme, sondern auch auf weltliche Gebäude, wie auch auf das Berliner Stadtschloß. Auf keinem Fall verstecken wir unsere Kreuze, auch nicht, wenn wir beim Imam vom Felsendom in Jerusalem zum Kaffeetrinken eingeladen werden.

Sophia, Mutter der Weisheit und der Kirche

Bei Hildegard ist Sophia die Mutter der Weisheit und die Mutter Kirche. (Scivias Visio II,5). Sie repräsentiert das Haus der Stärke und der Weisheit. Wir sehen hier eine Frau wie eine Meerjungfrau mit Fischschuppen, die Menschen aus dem Meer gefischt hat und sie in ihren Armen hält. Symbolisch bedeutet das: Fischen im Unterbewußtsein nach den spirituellen Schätzen - den 35 Tugenden, die in der Tiefe des Unterbewußtseins als Erbsegen in jedem Menschen vorhanden sind. Mit anderen Worten: Die Kirche ist dazu da, die spirituelle Wahrheit und Weisheit im jedem Menschen ans Tageslicht zu bringen. Damit erfüllt sie ihren Auftrag den „Naturmenschen zum Kulturmenschen“ zu veredeln.

Hildegard vergleicht die Kirche mit dem Mond, der von der Sonne das Licht empfängt. Gott sagt: Betrachte Sonne, Mond und Sterne. Die Sonne symbolisiert den Sohn und der Mond die Kirche, die zunimmt mit guten Taten aber mit den 35 Lastern abnimmt.

Die Kirche: Einheit in Vielheit

Hildegard kommt zu der erstaunlichen Aussage: „Wenn die Sonne Christus symbolisiert, ist die Kirche vom Mond vertreten und die Sterne verstreuen alleine ihre Strahlkraft und ihr Glitzern wie die Menschen in den verschiedenen kirchlichen Religionen“. Zusätzlich hält die Mutter Kirche die Ordensleute in ihrem Arm: Bischöfe, Priester, Nonnen und Mönche, sie sollen für herrliche Gesänge sorgen, Weisheit verbreiten mit einer Ausstrahlung heller als die Sonne. Alle anderen Menschen gehören zum Laienstand. Sie repräsentieren das siebente Sakrament, den säkularen Laienstand. „Es wir eine Zeit geben“, schreibt Hildegard, „da werden die Profis nicht mehr glauben, die Ärzte nicht mehr heilen können und die ganze Kraft der Weisheit, der Einsicht und der Wissenschaft wird auf die Laien übergehen.“

Wir alle spüren heute bereits diesen Zustand der geistigen Umnachtung in der Kirche und in der Politik. Wir sehen den Hunger der Laien zur echten Spiritualität. Die Menschen suchen heute nach Weisheit und spirituellen Werten, die göttliche und kosmische Kraft ausströmen, Menschen motivieren und bewegen zur echten Liebe und umfassender Zusammengehörigkeit. Sie suchen nach neuen Konzepten, weil die alten geldgierigen Konzepte der sogenannten Elite auf allen Gebieten der Gesundheit, der Politik, der Finanzen und der Wirtschaft versagt haben. Was wir alle heute brauchen, ist eine Kirche mit Visionen, so wie die von der heiligen Hildegard von Bingen.

Fortsetzung folgt im nächsten Brief 97: Was bedeutet katholische, heilige und apostolische Kirche